{"id":3751,"date":"2026-08-12T11:45:51","date_gmt":"2026-08-12T09:45:51","guid":{"rendered":"https:\/\/thieme-compliance.com\/?p=3751"},"modified":"2026-08-12T12:00:49","modified_gmt":"2026-08-12T10:00:49","slug":"facharztstandards-in-der-entwicklung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/thieme-compliance.com\/de\/facharztstandards-in-der-entwicklung\/","title":{"rendered":"\u201eNeue Besen kehren gut\u201c \u2013 Facharztstandards in der Entwicklung"},"content":{"rendered":"\n<!-- post-content.php -->\n<div class=\"post-content post__block post__block--light\">\n            <h2>Der Facharztstandard<\/h2>\n<p>Der Standard eines erfahrenen Facharztes ist das non plus ultra der \u00e4rztlichen Berufsaus\u00fcbung. Diese Maxime galt unter Heranziehung der allgemeinen gesetzlichen Regelungen zur Verantwortlichkeit des Haftungsschuldners nach \u00a7 276 des B\u00fcrgerlichen Gesetzbuches (BGB) lange Zeit unangefochten. Zudem wurde sie durch die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (BGH) aktualisiert, spezifiziert und fortentwickelt. Ungeachtet dessen sind die Regelungen zur Verantwortlichkeit des Behandelnden mit dem Patientenrechtegesetz im Jahre 2013 erstmals f\u00fcr den Bereich des Behandlungsvertrages \u2013 an sich ohne Not \u2013 vom Gesetzgeber konkretisiert worden.<\/p>\n<p>So hei\u00dft es nun in \u00a7 630 a Abs. 2 BGB zu den vertragstypischen Pflichten beim Behandlungsvertrag:<\/p>\n<p>\u201eDie Behandlung hat nach den zum Zeitpunkt der Behandlung bestehenden, allgemein anerkannten fachlichen Standards zu erfolgen, soweit nicht etwas anderes vereinbart ist.\u201c<\/p>\n<h2>Fragen rund um den medizinischen Standard<\/h2>\n<p>So einfach und selbstverst\u00e4ndlich diese gesetzlichen Ma\u00dfgaben scheinen, so komplex sind die sich im Gesamtzusammenhang ergebende Fragen:<\/p>\n<p>Wer oder was bestimmt, welcher Standard im Einzelfall gilt?<br \/>\nWas gilt, wenn f\u00fcr bestimmte diagnostische oder therapeutische Verfahren keine allgemein anerkannten Standards bestehen?<br \/>\nWas gilt, wenn f\u00fcr bestimmte medizinische Verfahren unterschiedliche \u201eSchulen\u201c konkurrieren und das \u201eeigene Verfahren\u201c f\u00fcr das jeweils \u201ebessere\u201c halten?<\/p>\n<p>Wie werden Neulandverfahren behandelt, f\u00fcr die es noch keine Standards gibt?<\/p>\n<p>Wer verwaltet die bestehenden Standards und wann m\u00fcssen die jeweiligen Standards aktualisiert werden?<br \/>\nGeben die Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der medizinisch wissenschaftlichen Fachgesellschaften (AWMF) den aktuellen und allgemein anerkannten Standard wieder oder handelt es sich dabei lediglich um Handlungsvorschl\u00e4ge, von denen der jeweils behandelnde Arzt im Einzelfall ggf. abweichen muss?<\/p>\n<h2>Medizinischer Fortschritt und neue Verfahren<\/h2>\n<p>Der medizinische und technische Fortschritt in der klinischen und praktischen Medizin ver\u00e4ndert allenthalben die diagnostischen und therapeutischen Handlungsoptionen. Dieser andauernde medizinische Fortschritt bietet sowohl f\u00fcr die jeweils verantwortlichen \u00c4rzte, insbesondere aber auch f\u00fcr die jeweiligen Patienten verbesserte Versorgungsm\u00f6glichkeiten mit dem Ziel einer qualitativ optimierten Behandlung und Linderung oder Vermeidung von k\u00f6rperlichen oder psychischen Beschwerden.<\/p>\n<p>Mit der Weiterentwicklung und Anwendung neuer Behandlungsverfahren stellt sich automatisch die Frage nach der Fortgeltung bew\u00e4hrter \u201ealter\u201c Verfahren und nach der Abl\u00f6sung durch Neulandverfahren. Wann eine neue Methode zum Standard wird oder bisherige Verfahren als veraltet angesehen werden m\u00fcssen, ist naturgem\u00e4\u00df nicht leicht zu beantworten. Neue Verfahren zu etablieren, braucht nicht nur Zeit, sondern auch eine entsprechende Finanzierung der ggfs. notwendigen medizinisch-technischen Ger\u00e4te und Ausstattungen. Auch die Akzeptanz neuer Verfahren und die \u201eguten\u201c Erfahrungen mit bew\u00e4hrten Verfahren bei den anwendenden \u00c4rzten entscheiden in der klinischen Praxis \u00fcber den im Einzelfall \u201eallgemein anerkannten Standard\u201c, den das Gesetz fordert. In diesem Zusammenhang denke man nur an die rasante Entwicklung von individuellen Verfahren der Arzneimitteltherapie, die in vielen F\u00e4llen einer \u201everalteten\u201c operativen Vorgehensweise weit voraus sind.<\/p>\n<h2>Die Entscheidung des BGH vom 21.01.2025<\/h2>\n<p>In einer aktuellen Entscheidung hat sich nun der BGH mit der Frage auseinandergesetzt, wann eine neue Behandlungsmethode zum Standard wird, vgl. BGH, Urteil vom 21.01.2025, AZ: VI ZR 204\/22. In dieser Entscheidung hat der BGH auch die Frage beantwortet, in welcher Art und Weise die Patienten bei unterschiedlichen Behandlungsoptionen in die Entscheidungsfindung einbezogen werden m\u00fcssen. Diese setzt auch eine eingehende Aufkl\u00e4rung \u00fcber unterschiedliche Verfahrensweisen voraus.<\/p>\n<h2>Der Fall der Patientin<\/h2>\n<p>Geklagt hatte eine Patientin, die 1998 im Alter von 12 Jahren an der Halswirbels\u00e4ule operiert worden war. Sie litt unter Gleichgewichtsst\u00f6rungen in Folge einer Subluxation HWK 1 &#8211; 2 mit os odontoideum. Als Therapiema\u00dfnahme wurde von den behandelnden \u00c4rzten eine Operation mittels Verdrahtungstechnik vorgeschlagen. Dabei sollte ein aus dem Beckenknochen entnommener Knochenspan zwischen den Halswirbeln HWK 1 und 2 eingepasst und mit einer Drahtumschlingung befestigt werden. Im Behandlungszeitpunkt wurde in anderen \u2013 wenigen \u2013 Kliniken als Behandlungsmethode bereits eine Verschraubungstechnik angewandt. Hierdurch h\u00e4tten gr\u00f6\u00dfere Heilungschancen bei geringerer Komplikationsdichte bestanden. Allerdings gab es im Zeitraum der Behandlung im Jahr 1998 nur einige wenige Kliniken, die sich mit dieser Behandlungsmethode bei Kindern auskannten. Die Eltern der jungen Patientin wurden \u00fcber diese andere Verschraubungsmethode nicht aufgekl\u00e4rt. Nach dem Eingriff st\u00fcrzte die Patientin und musste in der Folge zwei weitere Male operiert werden. Stets wurde die Verdrahtungstechnik angewandt. Seither leidet die Patientin an einer inkompletten Querschnittsl\u00e4hmung. Die Patientin machte in der Folge Schadensersatzanspr\u00fcche wegen Behandlungs- und Aufkl\u00e4rungsfehlern geltend.<\/p>\n<h2>Die Entscheidungen der Vorinstanzen<\/h2>\n<p>In erster Instanz erhielt die Patientin Recht; ihr wurde ein Schmerzensgeld in H\u00f6he von 400.000,00 \u20ac zugesprochen. Das Berufungsgericht hingegen wies die Klage vollst\u00e4ndig ab. Es lie\u00dfen sich unter Ber\u00fccksichtigung der Ausf\u00fchrungen des hinzugezogenen Sachverst\u00e4ndigen keine Behandlungsfehler feststellen. Insbesondere sei die Methodenwahl nicht fehlerhaft und eine Alternativaufkl\u00e4rung nicht geboten gewesen, vgl. OLG Naumburg, Urteil vom 23.03.2021, AZ: 1 U 1\/17.<\/p>\n<h2>Die Beurteilung durch den BGH<\/h2>\n<p>Der BGH erteilte der Auffassung des OLG Naumburg eine Absage und hob die Entscheidung des OLG auf. Der behandelnde Arzt schulde die Therapie, die dem jeweiligen Stand der Medizin entspreche. Dies bedeute aber nicht, dass das jeweils neueste Therapiekonzept verfolgt werden m\u00fcsse, zu dem dann auch eine stets auf den neuesten Stand gebrachte apparative Ausstattung geh\u00f6ren m\u00fcsse. Der Zeitpunkt, wann eine Methode veraltet sei und damit nicht mehr zum geschuldeten Qualit\u00e4tsstandard geh\u00f6re, sei jedenfalls dann gekommen, wenn die neue Methode risiko\u00e4rmer sei und\/oder bessere Heilungschancen b\u00f6te, in der medizinischen Wissenschaft weitgehend unumstritten sein und deshalb nur ihre Anwendung von einem sorgf\u00e4ltigen und auf Weiterbildung bedachten Arzt verantwortet werden k\u00f6nne. Es m\u00fcsse dabei aber auch gestattet sein, f\u00fcr eine gewisse \u00dcbergangszeit nach \u00e4lteren, bis dahin bew\u00e4hrten Methoden zu behandeln; dies allerdings nur, soweit es nicht unverantwortlich erscheine, die Patientin in eine besser ausgestattete Klinik zu \u00fcberweisen.<\/p>\n<h2>Die Frage der \u00dcberweisung<\/h2>\n<p>Im vorliegenden Fall war damit entscheidend, ob die angewandte Verdrahtung bei den jeweiligen Eingriffen noch eine medizinisch vertretbare Alternative darstellte. Dar\u00fcber hinaus war zu kl\u00e4ren, ob eine Verweisung in eine andere Klinik mit entsprechendem Fachwissen und Erfahrung bzgl. der Verschraubungsmethode geboten war. Diese Fragen seien nach Auffassung des BGH aber im bisherigen Gerichtsverfahren noch nicht ausreichend gekl\u00e4rt worden. Dies m\u00fcsse nun vom OLG nachgeholt werden.<\/p>\n<h2>Aufkl\u00e4rung \u00fcber alternative Methoden<\/h2>\n<p>Im Hinblick auf die Aufkl\u00e4rung stellt der BGH fest, dass es zwar keine Verpflichtung zur Aufkl\u00e4rung \u00fcber neue Methoden, die sich noch in der Erprobung befinden und nur in einigen Gro\u00dfkliniken angewandt werden, gebe. Die Operationstechnik sei hier jedoch kein solches neues Verfahren. Vielmehr w\u00fcrde die geringe Anzahl von erfahrenen Operateuren der Seltenheit des Eingriffs geschuldet sein. Insgesamt bewertete der BGH die Feststellungen des OLG \u2013 sowohl bez\u00fcglich eines Behandlungsfehlers als auch in Bezug auf die \u00e4rztliche Aufkl\u00e4rung der Eltern \u2013 als nicht ausreichend und verwies den Rechtsstreit zur erneuten Beweisaufnahme an das OLG zur\u00fcck.<\/p>\n<h2>Voraussetzungen eines neuen Behandlungsstandards<\/h2>\n<p>Die Entscheidung zeigt einmal mehr, dass sich der Facharztstandard angesichts des medizinischen Fortschritts stets im Wandel befindet. Eine neue in der medizinischen Wissenschaft entwickelte Methode oder Technik wird nach Auffassung des BGH dann zum geschuldeten Behandlungsstandard, wenn sie (1.) im Wesentlichen unumstritten und (2.) im Vergleich zur \u00e4lteren Methode risiko\u00e4rmer ist bzw. bessere Heilungschancen bietet. Zudem ist (3.) noch eine gewisse \u00dcbergangszeit zu ber\u00fccksichtigen, wobei die tats\u00e4chliche Dauer dieser \u00dcbergangs- oder Anpassungszeit im jeweiligen Einzelfall sehr unterschiedlich lang bzw. kurz ausfallen kann.<\/p>\n<h2>Fr\u00fchere Rechtsprechung und \u00dcbergangszeit<\/h2>\n<p>Diese Grunds\u00e4tze hatte der BGH auch bereits in einer \u00e4lteren Entscheidung entwickelt und angewandt; insbesondere hat der BGH hervorgehoben, dass es \u00c4rzten w\u00e4hrend der \u00dcbergangszeit gestattet sein m\u00fcsse, noch nach \u00e4lteren, bew\u00e4hrten Methoden zu behandeln, wenn dies nicht wegen einer m\u00f6glichen \u00dcberweisung in eine Spezialklinik unverantwortlich sei, vgl. BGH, Urteil vom 22.09.1987, AZ: VI ZR 238\/86. Die damit ggfs. einhergehenden Qualit\u00e4tsunterschiede zwischen alter und neuer Methode seien nach Auffassung des BGH zwangsl\u00e4ufig hinzunehmen. Erst eine deutliche Unterausstattung oder eine \u00fcberragende Verbesserung der Behandlungsergebnisse durch die neue Methode k\u00f6nnte eine Haftung f\u00fcr vermeidbare Sch\u00e4den ausl\u00f6sen. Handelt es sich bei der neuen Methode aber um eine echte Alternative f\u00fcr die Patienten, bestehen dann \u2013 wie sonst auch \u2013 entsprechende umfassende Aufkl\u00e4rungspflichten mit Angabe von Vor- und Nachteilen der einen und der anderen Methode.<\/p>\n<h2>Konsequenzen f\u00fcr die Praxis<\/h2>\n<p>Der BGH hat im vorliegenden Fall eine Aufkl\u00e4rungsverpflichtung der behandelnden \u00c4rzte \u00fcber die verschiedenen operativen Vorgehensweisen (Verdrahtung bzw. Verschraubung) dem Grunde nach bejaht und den Rechtstreit an das OLG zur\u00fcckverwiesen. Dieses muss nun pr\u00fcfen, welche Aufkl\u00e4rungsinhalte den Eltern der Patientin tats\u00e4chlich vermittelt wurden. Dabei kommt es insbesondere auch auf die Frage an, ob ausreichend \u00fcber die zur Verf\u00fcgung stehenden Methoden (Verdrahtung bzw. Verschraubung) informiert worden ist.<\/p>\n<p>Ma\u00dfgeblich ist auch hier immer der Einzelfall. Im Zweifel, insbesondere bei elektiven Eingriffen und einer schon l\u00e4nger andauernden \u00dcbergangszeit, sollte sicherheitshalber immer eine Alternativaufkl\u00e4rung erfolgen und in dokumentierter Absprache mit dem jeweiligen Patienten bzw. dessen Eltern die geplante Vorgehensweise besprochen und entschieden werden, sog. informed consent.<\/p>\n<p>* In diesem Beitrag wird bei Personen- oder Amtsbezeichnungen ausschlie\u00dflich aus Gr\u00fcnden der besseren Lesbarkeit stets die m\u00e4nnliche Form verwendet; sie bezieht sich auf Personen jeden Geschlechts.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>K\u00f6ln, November 2025<\/strong><\/p>\n<p>Rechtsanwalt Dr. Albrecht Wienke<br \/>\nFachanwalt f\u00fcr Medizinrecht<br \/>\nIn der Proffen 4<br \/>\n53347 Alfter<br \/>\nmail@albrechtwienke.de<\/p>\n<p>Der juristischen Beitrag zum herunterladen: <a href=\"https:\/\/thieme-compliance.com\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Neue-Besen-kehren-gut.pdf_Ueberarbeitet-1.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">PDF downloaden<\/a><\/p>\n    <\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wann wird eine neue Behandlungsmethode zum Facharztstandard? 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